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Rechts: Hitlers Black Box

„Autonome Nationalisten“ lieben den Nationalsozialismus und meinen doch auch: „Fuck Authority“


Dortmund, 1. Mai 2007. Im Ortsteil Wambel betritt der Reporter nahe einer Großkundgebung von 1.300 Neonazis eine Tankstelle. Er wundert sich, wo in dem von der Polizei hermetisch abgeriegelten und fast menschenleeren Stadtteil all die Antifas herkommen, die gut gelaunt Getränke und Knabberzeug kaufen. Der Verkaufsraum ist voll von diesen jungen Leuten. Sie sehen aus wie Autonome oder wirken in Shorts, Vans, Baumelketten und Nietengürteln wie die Musiker einer Hardcore-Band oder eine Skatercrew. An ihren Mützen glänzen Sticker mit Losungen wie „Revolution now“, „Fuck Authority“ oder „Tiere haben Rechte“. Die meisten tragen auch Aufnäher oder Sticker mit roten und schwarzen Flaggen, bekannt aus der Antifabewegung. Erst bei genauem hinsehen merkt der Reporter, dass daneben nicht „Antifaschistische Aktion“, sondern „Nationale Sozialisten – Bundesweite Aktion“ steht.

„Nur Idioten brauchen Führer,“ sang 1993 die Hamburger Punkband ...BUT ALIVE, seinerzeit das musikalische Manifest der Politpunk- und Autonomen-Szene. Was damals ein Schlachtruf gegen Nazis war, findet sich heute ähnlich in der Braunszene wieder. Seit Jahren tummeln sich in der rechtsextremen Szene „Autonome Nationalisten“, die zwar für einen „nationalen Sozialismus“ kämpfen wollen, zugleich aber Probleme haben, Autoritäten anzuerkennen. „Organisierter Wille braucht keine Partei! Nationaler Sozialismus voran!“ heißt es da in Pamphleten gegen die NPD. Ein Widerspruch zum Führerstaat nationalsozialistischer Prägung? Mag sein. Und dennoch: „Autonome Nationalisten“ und deren „Black Blocs“ inmitten von Aufmärschen wirken auf den ersten Blick wie Linksautonome: Kapuzenpullis oder –jacken, Basecaps, Lederhandschuhe, Sonnebrillen, schwarze Kleidung, die nach dem Vorbild der Linksautonomen ein einheitliches Bild alias eine „martialische Vermummung“ (Frankfurter Rundschau) abgeben. „Autonome“ sind gepierct und mancher trägt gar unter seiner Kapuze oder Mütze einen Irokesen-Haarschnitt.

Als am 7. Juli 2007 rund 700 Neonazis in Frankfurt aufmarschierten, um gegen Kapitalismus und Globalisierung im „Jerusalem am Main“ (Hessens NPD-Chef Marcel Wöll) aufzumarschieren, bildeten etwa 200 Teilnehmer des Aufmarsches einen „Black Bloc“. Zwar hatte es zuvor schon Blöcke bei Aufmärschen gegeben, doch das geballte Auftreten war in dieser Art neu. Und ähnlich wie man die Linksautonomen wegen deren Starrsinnigkeit einst in der linken Bewegung und unter Punks „Automaten“ nannte, wollte auch die oft als elitär geltende und gelegentlich spöttisch von anderen Neonazis in Anlehnung an die SS „Schwarze Garde“ genannte Gruppe ihr Ding durchziehen. Es kam zu Rangeleien mit NPD-Ordnern, als diese versuchten, polizeiliche Auflagen wie das Vermummungsverbot durchzusetzen. Weniger störten sich die NPD-Ordner an Sprechchöre des „Blocs“: „BRD – Judenstaat – Wir haben dich zum kotzen satt!“

Abgewandelt ist die Parole von der Linksautonomen-Losung „BRD – Bullenstaat – Wir haben dich zum kotzten satt!“ Nach der Demo entbrannte zwischen „Autonomen“ und Partei ein Streit. Inoffiziell hieß es dazu in Szeneforen, die NPD-Ordner seien „Polizei-Vasallen“ und die Partei fahre eine „pseudo-bürgerliche schmuseschiene“. Den „Autonomen“, die mit ihrem Megaphon gegen den Lautsprecherwagen der NPD anpolterten, wurde vorgeworfen, auf einer NPD-Demo „Scheiß NPD“ geschrien zu haben. Aber auch über offizielle Stellungnahmen wurde der Streit ausgetragen. Während die NPD bzw. Wöll im Neonazi-Portal „Altermedia“ einen kurzen Text veröffentlichte, hatten die Rechtsautonomen auch beim Texten von ihrem linken Vorbild gelernt und lieferten ein ellenlanges Statement ab. Die „Nationale Sozialisten – Rhein/Ruhr“ moserten über „wildgewordene Ordner“, die zu „Hilfssheriffs“ und „besonders engagierten Hilfspolizisten“ geworden seien. Und: „Bei Angriffen durch Antifaschisten werden wir auch in Zukunft [...] angemessene Gegenwehr leisten! Rechtswidrigen Anordnungen grün/weißer Systembüttel werden wir keinerlei Folge leisten! Bei Polizeigewalt werden wir von unserem Notwehrrecht Gebrauch machen!“

Der Widerspruch im Namen – autonom meint nach eigenen Regeln lebend, Nationalist meint Vertreter eines übersteigerten Nationalismus, in der Braunszene ein Tarnbegriff für den Nationalsozialismus, der egentlich für einen Führerstaat steht – trat nicht erst nach den Vorfällen in Frankfurt in zahlreichen Diskussionen innerhalb der rechten Szene zu Tage. So fragte etwa ein rechter „Liedermacher“ mit seinen Wurzeln in der Bonehead-Szene in einem Szeneforum spöttisch zu den „Autonomen“, ob „er/sie gerne als antifaklon unterwegs sein will und/oder sich optisch von skatern nicht unterscheiden möchte“? Und während die NPD sich für den Bürger halbwegs bieder gerieren, zugleich aber die „Freien Kameradschaften“ und militanten Neonazis einbinden will, gehen die „Autonomen“ weiter als jene „Kameraden“. Stellen die NPD-Oberen die „Systemfrage“ alias „Abwicklung“ (NPD-Chef Udo Voigt) der BRD über den Umweg des Parlamentarismus, stellen die „Autonomen“ die „Systemfrage“ ähnlich ihres linken Vorbildes offen und radikal: der Umsturz ist im Straßen- oder Guerillakampf zu erreichen: „Fuck the System!“. Und wie zerrissen die Braunszene wegen der „Autonomen“ war und ist, stellte der selbst als radikal geltende, hessische NPD-Chef Wöll zu den Frankfurter Vorfällen dar:

„Der Sinn eines einheitlich gekleideten Blocks sollte es sein, bei eventuell begangenen Ordnungswidrigkeiten oder auch Straftaten die Feststellung der Personalien zu erschweren, hier sind wir uns einig. [...] Was für einen Sinn macht es aber, sich völlig grundlos mit der Polizei anzulegen [...]? Fakt ist, sinnvoller Widerstand sieht anders aus. Wenn es Probleme mit der Polizei gibt, diese provoziert, die Marschroute blockiert, schikaniert mit Kontrollen oder ähnlichem kann man die komplette Palette von Widerstand auffahren [...]. Als allerdings die Antifa an einem Streckenabschnitt mit Steinen warf, tat sich besagter Block dann durch gänzliche Dummheit hervor. Anstatt gesittet und normal weiterzudemonstrieren, blieb er stehen, fing an zu hüpfen und Blödsinn zu grölen, so daß Kameraden in den hinteren Blöcken weiter schön in der Steine- und Eierschneise verharren mussten. Nein, zurückgeworfen wurde nichts, dass hätte ich noch gut verstehen können [...].“

Im Umfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm hatte die linksautonome Szene für Aufsehen gesorgt. Mehrfach wurde gegen das Treffen demonstriert, in Hamburg und Rostock marschierten Schwarze Blöcke der linken Szene mit teils mehreren 1.000 Vermummten auf. Nachdem es in Rostock am 2. Juni zu Krawallen vonseiten der Linken kam, schimpfte die NPD gegen die „schwarzgekleideten und vollvermummten Straftäter“ (Parteiorgan Deutsche Stimme, DS) und den „bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen“ (NPD-Presseinfo) des „gewalttätigen[, linksextremistischen] Mob[s]“ (Udo Pastörs). Derlei stelle eine Gefahr für Deutschland dar. Zugleich publizierte die DS ein Interview mit „zwei jungen Aktivisten“, meint Neonazis, die sich im linken Schwarzen Block in Rostock eingeschlichen hatten. Zwar beschreiben die Interviewten den Block durchweg als eine durchorganisierte Schlachtmacht („Messer, Hämmer, Stöcke, alles, was man sich an Handwaffen vorstellen kann, führten die Autonomen bei sich.“), in der jeder taktisch korrekt seine Rollen kennt vom Steineausgraber und -transporteur bis hin zum -werfer („Taktisch gut organisiert, [...] ein Heer aus Fernkämpfern. [...] Die organisierten Autonomen sind wahrhaftig eine Gefahr für alle, extrem gewaltbereit und gehen hemmungslos vor.“). Jedoch schimmert in dem Interview auch leicht das durch, was in den Szeneforen längst diskutiert wird: die Linken machen „den Bullen“ klar, was Sache ist – aber warum schafft das die Rechte noch nicht? So schließen denn auch die Interviewten in der DS mit den Worten: „Das war und wird nicht unser letzter Ausflug in die Reihen der Linken gewesen sein.“

Rechtsautonomen machen derlei „Ausflüge“ jedoch nicht nur, um sich als investigative Hobbyreporter zu betätigen. Längst haben sie sich nicht nur den Kleidungsstil im Privaten und die Blockbildung bei Demonstrationen abgeschaut. Rechte führen Sitzblockaden durch, um aus Demonstrationen heraus abgeführte Gesinnungsgenossen wieder frei zu pressen. Gemeinsam mit „Kameradschaftern“ haben die „Autonomen“ bei Aufmärschen versucht, Polizeiketten zu durchbrechen. Sprühaktionen gegen politische Gegner, eingeworfene Scheiben in Büros demokratischer Parteien oder Graffiti- und Comicstyles auf Transparenten sind längst gängige Praxis. Ebenso wie die Linksautonomen richten Neoanzi-„Autonome“ bei Demonstrationen Rechtshilfegruppen („EAs“) ein und diskutieren Wahlboykotte. Manche „Autonomen“ schreiben schon im antisexistischen Duktus von „Kamerad_innen“, diskutieren über Vegetarismus, sind gegen Tierversuche, organisieren Besuchergruppen („Prozesssolis“) bei Gerichtsverfahren von „Kameraden“. Sie setzen zunehmend auch auf die Taktik der Spontandemos, so liefen etwa am 8. Juni 2007 rund 70 „Autonomen“ mit Transparenten und bengalischen Feuern durch Marl, um „spontan“ gegen den G8-Gipfel zu protestieren. Skandiert wurden dabei abgewandelte linke Parolen, etwa „Nie, nie, nie wieder G8“ (Antifa-Original: „Nie wieder Deutschland!“). „Ausflüge“ in die Demos der Linksautonomen dürften denn auch eher dazu dienen, zu lernen, was man dereinst umsetzen will, so man denn stark genug ist und die „Systemfrage“ stellen könnte.

Derzeit erstarken die „Autonomen Nationalisten“. Ihre spannende Erlebniswelt und ihr Aktionismus macht sie attraktiv für junge Leute, denen die üblichen Bonehead- und „Kameradschaften“-Szenen zu dröge sind. Hooligans oder Ultras schließen sich an, aber auch Mädchen und junge Frauen befinden sich in ihren Reihen und wirken im Privatleben eher wie Punk-, Riot- oder Hardcore-Girlies mit Shorts oder Baggyhosen, in Chucks, mödischen Tops, Bauchnabel- oder Gesichtspiercings und mit großflächig tätowierten Armen und Schultern. Für den Aufmarsch in Frankfurt am 7. Juli warb die Braunszene im Internet mit einem selbst produzierten Videoclip – erstmals stand dabei ein vermummtes Mädel im Autonomen-Schick vor der Linse, die sich selbst als „Nazi“ bezeichnete und zur Demo aufrief, inklusive Molli in der Hand. Spätere Fotos von der Demo zeigten, dass die Frau zum modischen Fransenhaarschnitt ein ebenso modisches Lippenpiercing trug. Fraglich dürfte jedoch bei alldem sein, ob die Braunszene das einerseits fast unautoritäre, andererseits aber auch elitäre Gehabe der „Autonomen“ dulden wird. Ein gutes Beispiel, um jene „innere“ Zerrissenheit zu dokumentieren, dürfte schon Mitte 2006 eine Diskussion in einem geschlossenen Szeneforum aus dem Ruhrgebiet abgeliefert haben. Sie wurde letztlich so heftig, dass die Moderatoren Threats sperren und Teilnehmern mit ihrem Ausschluss drohen mussten.

Den „Autonomen“ warf man vor, „arrogant“ zu sein. Sie würden „verdiente Kameraden [...] diffamier[en]“, schrieb ein Neonazi. Ein anderer merkte an, die „Autonomen“ würden „andere Kameraden als dumme Faschisten [beleidigen]“. Weiter hieß es: „Alte Strukturen, die stark mitgeholfen haben die nationale Bewegung in Deutschland nach vorne zu bringen werden als Müll bezeichnet [...]. Scheinbar wurde mit der Kleidung und der Musik der Linken/Antifa gleichzeitig noch ein großer Teil ihres Gedankenguts übernommen. So bringen [die Autonomen] nur mehr Spaltung und Streit in die Bewegung, anstatt sie voranzubringen.“ Ein alt gestandener Neonazi glaubte gar, dass seien „Entartungserscheinungen der schlimmeren Art!“

Von „autonomer“ Seite wurde indes gegen die „Kraken“ (Szenebegriff für Klischeeglatzen und Säufer) und „WP-Faschisten“ (WP: „White Power“) gelästert, deren „Weltbild [sich] nur darauf beschränkt, das ein Nationaler Aktivist Glatze haben muss, alles undoitsche ablehnen muss und natürlich vor jeder Demo biersaufen muss!“ Man stehe halt nicht auf stumpfen Rechtsrock und den „ewig gestrigen Scheiss“, womit Entwicklungen innerhalb der Braunszene seit Mitte der 1980er Jahre gemeint waren. Derlei schrecke sowieso Jugendliche und Bürger ab, sich der „Bewegung“ anzuschließen, moserten die „Autonomen“. Rechte Skinheads hätten überdies „durch Intoleranz, Grenzenloser Fremdenfeindlichkeit, Gewalttaten, Mord & Randale [die Bewegung] Zerstört“.

Die Kritisierten konterten angewidert, das dunkle Auftreten der „Autonomen“ und deren Radikalität sei abschreckender als Glatze und Stiefel. Doch das störte einen der „Autonomen“ wenig: „Wir sind nunmal jetzt da! Wir verkörpern den Modernen NS...wir sind auf jeder Demo ganz vorne...seht es ein, akzeptiert es und hört auf deswegen rumzunörgeln, es bringt nix!“ [© Michael Klarmann; für Ox-Fanzine und konkret]
3.8.07 21:05
 



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