Düren. In Düren haben am Samstagabend rund 180 Menschen gegen eine gemeinsame Feier von der Neonazi-Gruppe „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) und der NPD-Ortsgruppe Düren demonstriert. Vom Bahnhof aus zogen sie lautstark antifaschistische Parolen skandierend zur Gaststätte Gütershop in der Arnoldweilerstraße. Dort feierten KAL und NPD ein „Erntedankfest“, das bis 21 Uhr laut Polizei rund 80, laut Veranstalter etwa 90 Personen, laut späterem Polizeibericht 100 Personen besuchten.
Die KAL hatte das Fest als „Oktoberfest“ beim Ordnungsamt der Stadt Düren und als geschlossene Veranstaltung angemeldet. Ein politischer Hintergrund wurde bei der Anmeldung nicht erwähnt. Jedoch hatte die KAL sich bei ihrem „Erntedankfest“ 2005 auf einen „germanischen Brauch“ berufen und die Veranstaltung indirekt in eine Reihe der „Erntedankfeste“ der verbotenen Wiking Jugend gestellt [1]. Schon Nachmittags hatten KAL-Mitglieder ein Zelt im Innenhof aufgestellt [2]. Laut NPD-Ortsgruppenchef Haller hätten „Sponsoren“ das Fest mit einer gratis zur Verfügung gestellten Musikanlage und Tischen sowie Bänken gefördert. Eine Tafel neben der Tür verkündete: „Zutritt für alle Nationale.“ Der Eintrittspreis betrug zwei Euro. Als Gaststar des Abend war der rechte Liedermacher „Jan“ aus Leipzig angereist. Laut eines Berichtes auf der KAL-Homepage trat zudem später noch der Liedermacher „Bangardt“ (Westfalen) auf. „Jan“ soll demnach zudem noch im Duett mit dem Sänger der Rechtsrock-Kultband „Oidoxie“ aus Dortmund aufgetreten sein. Die Polizei war mit einem großen Aufgebot im Einsatz und hatte die Gaststätte mit Absperrgittern hermetisch im Umkreis weniger Meter abgeriegelt.
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HIER (30 Tage lang). Alle Motive: © Michael Klarmann!]
Die antifaschistische Demonstration – getragen von einem breiten Bündnis [3] – hatte um 18 Uhr begonnen. Verschiedene unscheinbar wirkende Jugendliche und ein Erwachsener filmten mit Fotoapparaten, Fotohandys und einer Videokamera die Demonstration zeitweise offenbar für KAL und NPD ab. Beim eintreffen der Demonstration vor dem „Gütershop“ provozierten die Neonazis mit dem Schwenken von Fahnen der NPD und der „Freien Kräfte“. Danach zogen sie sich sowohl von den Mauern des Innenhofes als auch von der Tür der Gaststätte zurück. Während der Antifakundgebung direkt vor der Gaststätte wurden vonseiten der Rechtsextremen auf dem Hof laut rechte Rockmusik abgespielt. Die Antifaschisten skandierten Parolen gegen Neonazis; in Redebeiträgen wurde kritisiert, dass man in Düren die Gefahren durch Neonazis lange „verharmlos und verschwiegen“ habe, seit etwa anderthalb Jahren hätte die Szene ihre Aktivitäten „massiv verstärkt“.
Als gegen 19.30 Uhr zwei Neonazis durch die Antifaschisten hindurch versuchten in die Kneipe zu gelangen, kam es zu rund zehn Minuten dauernden Rangeleien zwischen Polizei und Antifaschisten. Polizisten einer Einsatzhundertschaft kesselten rund 20 bis 30 Antifaschisten ein und drängte diese von den übrigen Demonstranten ab. Gegen 20 Uhr endete die Kundgebung und löste sich bis etwa 21 Uhr langsam auf. Die Polizei blieb vor Ort präsent. In ihrem Pressebericht schreibt sie als vorläufiges Resümee: „Insgesamt musste [die Polizei] sechs Strafanzeigen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz, eine Strafanzeige wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen sowie ein Ermittlungsverfahren wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt gegen die Tatverdächtigen einleiten.“ Alle Verfahren richteten sich gegen Antifaschisten, so die Polizei.
Die Antifa Düren hat unterdessen in einer
Stellungnahme der Polizei eine „künstliche Eskalation“ der Situation vorgeworfen. Sie habe in diesem Fall den beiden Neonazis nicht, wie sonst üblich, den Zutritt zu Gaststätte über einen abgelegenen Kontrollpunkt an der Rückseite des Gebäudes ermöglicht, sondern sie provokativ „mitten durch eine Gruppe von Antifaschisten zum Eingang der Gaststätte“ geführt. Auch ein junger Antifaschist, der bei der Rangelei festgenommen wurde, stellte in einer Stellungnahme – sie liegt „Klarmanns Welt“ vor – fest, dass die Polizei diese Situation provoziert habe. In dem Schreiben heißt es gar, die Polizei habe den Vorfall genutzt, die Demo „anzugreifen“. Gegen den Mann wird eigenen Angaben zufolge wegen Körperverletzung ermittelt, da er versucht haben soll, einen Polizisten zu schlagen. Er habe jedoch, heißt es in der Stellungnahme, am Ende der Rangelei einer am Boden liegenden Person helfen wollen. Offenbar habe ein Polizist sich angegriffen gefühlt, dann sei er von „mehrere[n] polizisten von hinten“ gepackt worden, die dann auf ihn „einpruegelten und mich auf den boden warfen“. Die NPD umschreibt in einer
Pressemitteilung diese Vorfälle als „Aufstand der Linksextremen vor unsere Gaststätte“ und einer „ordnungsgemäßen Arbeit“ der Polizei.
Unterdessen hat die Antifa Düren als Veranstalter der Demonstration Dienstaufsichtsbeschwerde aufgrund des Vorgehens der Polizei am vergangenen Samstag eingereicht und kritisiert dabei ebenso, dass die Polizei trotz mehrere Hinweise und Bitten nicht gegen die Fotografen und Filmer aus der rechten Szene vorgegangen sei. Gegenüber der
Lokalpresse wies Landrat Wolfgang Spelthahn den Vorwurf, die Polizei habe die Lage eskaliert, zurück. Ihm zufolge hätte die später eingekesselte Gruppe selbst die Provokation gesucht. „Zum Schutz der Gesundheit mussten die Polizeikräfte mit einfacher körperlicher Gewalt die Störer zurückdrängen,“ wird Spelthahn zitiert, der „in dieser, den Tatsachen entsprechenden Darstellung, [...] kein vorwerfbares Verhalten der Polizei erkennen“ könne. Weitere Vorwürfe, etwa im Bezug der Anti-Antifa-Ablichtungen, würden noch geprüft.
NPD-Ortgruppenchef Haller sagte am Rande der Veranstaltung, die NPD-Ortgruppe Düren werde in wenigen Wochen in einen NPD-Kreisverband Düren umgewandelt. Grund hierfür seien zahlreiche neue Mitglieder, wozu offenbar gerade junge Menschen gehören. Haller sagte zudem, er könne sich vorstellen, in Zukunft weitere Feste oder Konzerte im Raum Düren zu veranstalten. Auch die KAL kündigt auf ihrer Homepage an: „Wir freuens uns schon auf die nächste Veranstaltung, die mit Sicherheit nicht lange auf sich warten lassen wird!!!!“ Im Gütershop hatten schon Ende Juli und Anfang September ein „Sommerfest“ [4] der NPD und ein „Balladenabend“ [5] der KAL stattgefunden. [© Klarmann (Stand: 21 Uhr [Bericht], 22.30 Uhr [Polizei-Presseinfo], Sonntagmittag [Stellungnahme Antifa], Sonntagabend [Stellungnahme Tatverdächtiger], Montagmorgen [NPD-Text], Montagnachmittag [Antifa Dienstbeschwerde], Dienstagmorgen [KAL-Bericht], Dienstag [Spelthan-Stellungnahme])]
[1]
KAL erwartet Kameraden aus NRW, Holland, Belgien und Großbritannien[2]
Die kurz vor dem Erntedankfest-Meldung[3]
Bündnis ruft zur Demo auf gegen rechtes Erntedankfest[4]
NPD-Sommerfest in Düren mit rechten Liedermachern[5]
Lieder über Vaterlandliebe in Dürener Kneipenhof