Die Bundeswehr, "eine starke Truppe". Sie ist bei Jugendlichen beliebt als Ausbildungsbetrieb, wo man auch den Führerschein machen kann. Selbst nachdem die ersten Särge heimkehrten hat die Truppe (k)ein Imageproblem.
Aachen. Manchmal ist eine Frage bei einem Interview schon sehr aussagekräftig. So fragte ein Mitarbeiter der Berliner B.Z. im Januar die RTL-Wunderwaffe für reißerische Fernsehkost, Sonja Zietlow: "Wo haben Sie gedient?" RTL startete gerade die vierteilige Doku-Soap "Sonja wird eingezogen". Die 37-Jährige, als krawalliges Lästermaul im Dschungel-Camp aufgefallen, hatte für jene TV-Serie die Rolle als Soldatin gemimt, um die Zuschauer hinter die Kulissen "beim Bund" zu führen. Ihre Antwort, wo sie denn "gedient" habe: "Ich war bei der Luftwaffe, der Marine, habe eine Einzelkämpferausbildung mitgemacht." Unerwähnt blieb ihre wirkliche Einheit: der Propagandastab.
Fünfzig Jahre alt ist die Bundeswehr vergangenes Jahr geworden. Aus der bei ihrer Gründung wegen der noch frischen Kriegserinnerungen in der Bevölkerung umstrittenen ist eine hypermoderne Armee geworden. Die Truppe, die einst im Kalten Krieg gar nicht genug Kanonenfutter rekrutieren konnte, um es schlimmstenfalls gegen die Massenheere des Wahrschauer Paktes aufmarschieren zu lassen, ist heute eine Hightech-Armee. Den Hauptschüler, der sich über eine Ausbildung als Autoschlosser freute und dessen Fähigkeiten sein sollten, 60 Kilometer mit Sturmgepäck zu marschieren und ein Gewehr in Sekunden mit verbundenen Augen auseinander und wieder zusammen zu bauen, braucht man heute weniger.
Einst hatte man dem Zyniker Wiglaf Droste Bundeswehr-Beleidigung vorgeworfen. Damals sagte er einem Stadtmagazin, dass gehe "in Ordnung, wenn mich auch wundert, dass Leute, die sich freiwillig behandeln lassen wie Vieh, überhaupt beleidigungsfähig sind." Droste spielte damit auf die Gattung Soldat an, der zwar "Staatsbürger in Uniform" (Bundeswehr) sein sollte, für den jedoch Befehl, Gehorsam und im Ernstfall Kampfeswillen sowie Tapferkeit als Haupttugenden zu gelten hatten. Von den Bürgern als "Wehrdienstberater" getarnte Anwerber hatten zuvor viele Jahre in Schulen die Jugendlichen "besucht". In den Kasernen waren in den 1970er, 1980er Jahren Tage der offenen Tür Besuchermagneten. Kinder und Jugendliche konnten in Panzer mitfahren, bestenfalls in einem, der einen Kleinwagen zermalmte. Die Bundeswehr war eine spannende Erlebniswelt und warb um 1987 mit dem Slogan "Beweis' Dir selbst, was in Dir steckt". Sie bot den "anderen Arbeitsplatz" an, der einen "in Spezialausbildungen zum Könner" werden ließ. Und tatsächlich. Hatte man die Grundausbildung mit allerlei Schikanen überstanden und konnte Oberhemden sorgfältig auf A4-Format falten, dann konnte man auch noch eine Ausbildung absolvieren oder den Führerschein gratis machen.
Mit Ende des Ost-West-Konflikts musste sich auch die Bundeswehr die Frage nach ihrer Daseinsberechtigung stellen und zeitgleich ihr Image ändern. Der Ur-Typ eines Soldaten hatte ausgedient, die neuen Bundeswehr-"Angehörigen" (Tarnsprech der Truppe) mussten zu Auslandseinsätzen befähigt sein und als Hightech-Kämpfer mit komplexen Waffensystemen umgehen können. So sprach die Hardthöhe Ende 2001 etwa in Stadtmagazinen und Freemags mittels der in Anzeigen gestellten Frage "Du willst Zukunft?" Abiturienten an – für die "Offizierslaufbahn der Bundeswehr" und "einen sicheren Job mit Perspektive". Den Bruch mit der Tradition – siehe oben – verdeutlichte exemplarisch auch die 1998 vom Presse- und Informationsstab des Bundesministerium der Verteidigung (BMVG) erstmals veröffentlichten CD-Rom "Auftrag: Frieden". Aus der "starken" war nun auch eine "moderne", weltweit "Frieden stiftende" Truppe geworden. Begrüßt wurde man beim Start des gratis verteilten Multimedia-Programms mit einem schmissigen Radetzky-Marsch – einige Takte später ging dieser in einen modernen Technobeat über. Damals war die Love Parade mit hunderttausenden Tanzenden in Berlin gerade voll in. Besagte CD-Rom wurde mehrfach aktualisiert, neu aufgelegt und wegen ihrer erfolgreichen Machart mit zwei Preisen aus der PR-Wirtschaft ausgezeichnet. Laut BMVG wurden davon seit 1998 "mehr als 1 Millionen Exemplare produziert." Beendet man das Multimediaprogramm, wird man in der aktuellen Auflage mit einer Reggae-Dub-Nummer verabschiedet, die ein für die Musik übliches Relaxtfeeling verbreite(n will)...
Längst gab es Ende der 1990er Jahre auch keine "Wehrdienstberater" mehr – dem Jargon einer Armee im Einsatz entsprechend war nun von "Jugendoffizierseinsätzen an Schulen" die Rede. Kooperationen mit Lokal- und Regionalzeitungen stellten an der Heimatfront sicher, dass darüber berichtet wurde – am liebsten positiv. So zitierte etwa die Jülicher Zeitung nach einem solchen Einsatz einen "Wehrberatungsoffizier" (sic!) mit den Worten: "Die Bundeswehr ist ein interessanter Arbeitgeber." Laut BMVG gibt es mehrere hundert haupt- und "nebenamtliche" Jugendoffiziere. Deren Aufgabe sei es jedoch nicht, "über Laufbahn- und Verwendungsmöglichkeiten bei der Bundeswehr zu informieren (...). Auf Wunsch vermitteln sie jedoch dazu einen Gesprächspartner der Nachwuchswerbung." Jene in Wahrheit natürlich doch als Rekrutierer eingesetzten Soldaten erledigen ihren Dienst übrigens auch außerhalb von Schulen. Sie "dienten" ebenso an Infostände der Bundeswehr auf der Computermesse CeBIT, der Jugendmesse YOU, der Internationalen Funkausstellung und auf der Leipziger Buchmesse. Zudem sind sie aktiv bei Veranstaltungen im Rahmen des bundesweiten Girls' Day, bei dem Mädchen klassische Männerberufe kennen lernen sollen.
Die junge Welt zitierte unlängst Marek Voigt vom Jugendverband JungdemokratInnen/Junge Linke. Ihm zufolge würden die Jugendoffiziere auf Messen und an Schulen "eine Form der psychologischen Kriegführung" betreiben. Krieg werde als Mittel zur Konfliktlösung unter dem Begriff "humanitäre Intervention" gegenüber Jugendlichen schön geredet. In der vom BMVG 1996 herausgegebenen Propagandaschrift "Bundeswehr heute" – damals warb man mit dem Slogan "Wir sind da" – werden solche weltweiten Einsätze als "humanitäre Hilfsaktionen der Bundesregierung" bezeichnet. Der Tarnjargon war die Vorstufe für die Teilnahme am völkerrechtswidrigen Angriffkrieg gegen Jugoslawien und dem Kampfeinsatz von Soldaten der Bundeswehr-Spezialtruppe KSK in Afghanistan. Im Zusammenhang mit den weltweiten Einsätzen sah Bernhard Nolz, Sprecher der PädagogInnen für den Frieden, eine steigende Bereitschaft von Schulen, Jugendoffiziere zu empfangen, mit Sorge. Diese Bereitschaft stehe jedoch offenbar in Zusammenhang mit der ebenfalls steigenden Jugendarbeitslosigkeit. Über den Umweg von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen versuche die Truppe weiter Nachwuchs zu gewinnen. Bezeichnend, dass RTL-Sprecherin Leyla Karsak die Zietlow-Militär-Doku einen "Film über das Unternehmen (sic!) Bundeswehr" nannte.
"Sonja wird eingezogen" lieferte als "Dauerwerbesendung zur Prime Time (...) Bilderbuch-Reklame" (Spiegel-Online) und gleich mehrere Dinge auf einmal frei Haus: den Quasi-Jugendoffizier, den Tag der offenen Tür beziehungsweise dessen kleiner Kamerad, den Truppenbesuch einer Schulklasse. Die "in enger Absprache mit dem Verteidigungsministerium entstanden(e)" TV-Dokus waren "Lehrstücke für gelungen verpackte Bundeswehr-PR" (Süddeutsche Zeitung). Jedoch war der "Militärkitsch" (taz) und die "Bundeswehr-Werbung" (TV Spielfilm) über "die Schokoladenseite der Bundeswehr" (stern.de) nicht die erste – einst noch ungewollte – Kooperation von BMVG und TV-Sendern.
Im September 2003 hatte die Bundeswehr im Zuge von TV-Formaten wie "Star Search" und "Deutschland sucht den Superstar" in Dillingen an der Donau einen "nationalen Musikwettbewerb" (musikmarkt.de) namens "Bw-Musix '03" veranstaltet. Laut Bundeswehr-Ausschreibung konnten, besser: sollten die Jugendlichen bei dem "Groß-Event für junge Musiktalente" auch "erste Eindrücke von den Karrierechancen und Perspektiven bei der Bundeswehr gewinnen." Stilecht untergebracht wurden die Teilnehmer in einem "Jugend-Camp" der örtlichen Kaserne. Wie selbstverständlich gab das "Referat Jugendmarketing" des BMVG zu, damit "neue Wege im Jugendmarketing" zu gehen. "Musikbegeisterte junge Leute im Alter von 14 bis 24" maßen sich in fünf Kategorien miteinander: Schülerbands; Discjockeys; Jugendblasorchester; Jugendbläser-Ensembles; Jugendspielleute- und Jugendfanfaren-Korps. Die Newcomer konnten etwa "Ausbildungsaufenthalte bei Musikkorps der Bundeswehr" gewinnen. Die passende "Event"-Homepage gab sich ultrahip und bot "groovige Grüße, fetzige Klingeltöne, coole Screensaver" an.
Im Jahr 2005 schwamm die Truppe dann auf anderen populären Wellen mit: angesichts der neuen Fun-Sportart Beach-Volleyball organisierten sie die "Bw-Beachen-Tour '05", die sich an "Spielerinnen und Spieler im Alter zwischen 16 und 17 Jahren" richtete; möglicherweise angelehnt an Mutprobenshows organisierte man zudem in Eckernförde die "BW Adventure Games": Geländelauf, Hindernisbahn mit Kletterwand und Seilsteg sowie Schlauchbootrennen mussten dabei bestanden werden. Und längst wirbt die Truppe nicht nur in Anzeigen, sondern auch mittels Kinowerbung um Nachwuchs.