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Rechts: Rechtsextremismus im Bistum Aachen

Aachen. In der Region Aachen gibt es derzeit eine der aktivsten Neonaziszenen in NRW. Aber auch im Raum Mönchengladbach, Moers und Krefeld entwickelten sich sehr aktive Szenen. Auffallend ist, dass sich ähnlich wie im gesamten Bundesgebiet auch hier viele Jungen und Mädchen der Braunszene anschließen. Über die genaue Größe jener oft konspirativen Szene(n) gibt es keine verlässlichen Zahlen, auch, da es immer wieder Neugründungen und Umbenennungen lokaler Gruppen, Doppelmitgliedschaften und eine unbekannte Zahl von Mitläufern gibt. Jedoch gehen ähnlich meiner Beobachtungen auch Sicherheitskreise inoffiziell davon aus, dass die Region „boomt“.

Ein Grund dafür dürfte der NPD-Kreisvorsitzende in Düren, Ingo Haller sein. Jahrgang 1972 nennt er seinen Kreisverband eine „Großfamilie“ und verkörpert den großen Integrator. Haller ist zum einen Organisationstalent und hat für seinen Kreisverband über Spenden und angeblich einflussreiche Förderer überdurchschnittlich viele Gelder akquiriert. Zudem tritt er in der Figur des Vorsitzenden, großen Bruders oder netten Schwiegersohns und guten „Kameraden“ auf. Trotz Arbeitsbelastung als Betriebsleiter eines Veranstaltungsservices in Erftstadt versucht er für Mitglieder und Interessenten erreichbar zu sein und hilft gerade jungen Leuten auch bei Problemen im Alltag oder mit den Eltern.

Sub-, besser: Monokultur der Braunszene als Erlebniswelt

Ihm zur Seite steht seine Frau Christine, zugleich Vorsitzende der „Freien Frauen“, eine Frauen- und Mädchengruppe der NPD-Düren, die sich gerade in Jugend-, Kinder- und sozialen Belangen profilieren will. Das Ehepaar hat im Schulterschluss mit der offen neonazistischen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) – die entgegen ihres an den heutigen Kreis Aachen erinnernden Namen auch in Düren aktiv ist – u.a. „Kameradschaftsabende“, „Erntedankfeste“, Mitglieder- und Jugendschulungen sowie Vortragsabende, Sommer- und Grillfeste, Aufmärsche sowie „Balladenabende“ mit bis zu 150 Besuchern aus der Region sowie prominenten Neonazis als Musiker oder Redner in Düren und Inden organisiert. Diese Feiern besuchten auch Neonazis vom Niederrhein.

Ingo Haller fährt zugleich gerne selbst mit der KAL und jungen Neonazis gemeinsam per Bahn, Bus oder Autokonvoi NRW-weit zu rechten Aufmärschen beziehungsweise zu Besuchen der ehemaligen NS-Kaderschmiede „Ordensburg Vogelsang“. Diese Auswärtsfahrten dienen ebenso wie die heimische Erlebniswelt dazu, jungen Leuten etwas zu bieten. Was Haller ebenso perfektioniert hat, ist das Instrument der „Infostände“ auch außerhalb von Wahlkampfzeiten. Einem internen Papier zufolge dienen diese Stände der Mitglieder-Neuwerbung, gerade auch unter Jugendlichen. Aus diesem Grund verteilt man auch die „Schulhof-CD“, ein Sampler mit Rechtrock-Bands, was junge Leute mehr anspricht, als die für sie oft unverständlich verfassten Flugblätter oder Parteiprogramme. Rechtsrock gilt als „Einstiegsdroge“.

Auch wenn jene hohe Dichte seit Mitte 2006 an teils mehreren verschiedenen Aktionen und Treffen pro Woche nicht exemplarisch ist für die NPD- und Neonazi-Aktivitäten in der gesamten Region – die Ortsgruppen und Kreisverbände der NPD in Krefeld, Mönchengladbach, Heinsberg, Aachen und Stolberg gerieten so unter Zugzwang. Infostände oder „Mahnwachen“ und Aufmärsche fanden ebenso in anderen Städten und Regionen im Bistums-Gebiet statt. Längst haben fast alle NPD-Verbände und lokale Neonazi-Gruppen eigene Homepages mit manchmal eigenen Webforen, auf und in denen teils aggressiv, teils ironisch gegen politische Gegner gewettert oder über Konzerte und Demos berichten wird.

Dann reih Dich bei uns ein...

Gerade die KAL, die unterdessen zur KAL-„Sektion Herzogenrath“ umbenannte Gruppe „Nationaler Widerstand Herzogenrath“ (NWH) und der „Sturmbund Aachen“ (SBA) wollen mittels Flyern Mitglieder anwerben (sinngemäß: „Du hast es satt beschimpft, ausgebeutet, diskriminiert zu werden weil Du stolz auf Deine Heimat und Geschichte bist. [...] Dann reih Dich bei uns ein.“). Von einzelnen KAL-Mitgliedern ist bekannt, dass sie im Kreis Düren Jugendliche vor Jugendheimen und Schulen ansprachen, falls sie Probleme mit Migranten hätten, sollten sie sich melden, man werde ihnen dann helfen. Die KAL präsentiert sich dabei immer als anständig, obschon deren (Ex-)Mitglieder oft genug wegen Propaganda- und Gewaltdelikten vorbestraft sind oder schon in Haft waren. Nicht ungewöhnlich ist es zudem, dass Neonazis vor Schulen in der Region Infomaterialien verteilen oder zu gewissen „Aktionswochen“ wie rund um den Todestag (17. August) des ehemaligen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß Aufkleber-, Plakat- und Sprühaktionen abhalten. Im Jahr 2007 kam es dabei erstmals fast Flächendecken in der Region Aachen und Düren zu Schnipselaktionen – ganze Schulhöfe waren mit Papierchen bedeckt, auf denen neben verschwörungstheoretischen Aussagen zu Heß u.a. Links zu Neonazi-Homepages zu lesen waren.

Rechtsrock, Partymucke und Todeslisten

Rund um das deutschlandweit bekannte Musikprojekt „Division Germania“ (DG) – nahezu alle Tonträger indiziert – existiert zudem die Neonazi-Gruppe „Widerstand Mönchengladbach“ (WMG). Der in Mönchengladbach lebende Kopf von DG wird der WMG-Führungsriege zugerechnet, der Musiker unterhält europaweite Kontakte in die Rechtsrock-Szene und ist zugleich Gitarrist bei der rechten Kultband „Gigi und die Braunen Stadtmusikanten“, die Schlager und Stimmungshits mit rechtsextremen, kriegsverherrlichenden und menschenverachtenden Texten covert. Im Bereich Krefeld und Viersen sind oder waren zeitweise neben den bekannteren „Barkings Dogs“ auch die Musikgruppen „Boots Of Hate“, „Linientroi“ und „My War“ aktiv.

Es gibt viele Fälle, in denen es im Jugendbereich auch zu Gewalttaten oder Drohungen gegen (vermeintlich) Andersdenkende kam. Drastische Schilderungen von rechten Auftritten gibt es immer wieder im Bereich der Nordeifel. Derlei Fälle werden indes oft weder in den täglichen Polizeiberichten, noch in den Lokalmedien abgebildet. So doch, dann oft so vage, dass sich den Lesern das Bild von Auseinandersetzung zwischen normalen Jugendgruppen aufdrängt. Doch gerade im Bereich Monschau und Konzen hat die rechte Szene (KAL-„Sektion Nordeifel“) Anfang 2006 massiv Gegner einzuschüchtern versucht und verbreitet, dass es eine „Todesliste“ von diesen gebe. Geschrieben worden sein sollte sie bei einem „Kameradschaftstreffen“ im Hinterzimmer einer Gaststätte in Konzen. Der „Sektion Nordeifel“ war es schon in den Jahren 2004/2005 gelungen, einen selbst verwalteten Jugendraum in Konzen zu „besetzen“ und dort „Kameradschaftstreffen“ abzuhalten, bei denen auch eine Hakenkreuzfahne aufgehängt worden war.

Grenzen setzen, Lücken schließen...!

Und wie damit umgehen? Leider gibt es hier wenig hilfreiches. Zwar ist Aufklärungsmaterial und sind Aufklärungsveranstaltungen über die Szene vorhanden, aber – durchaus kritisch zu sehen! – kaum Verhaltenstipps für den Umgang mit rechten Jugendlichen und Strategien. Zumindest NPD und „Kameradschaften“ versuchen nämlich die, auch durch Kürzungen im Sozial-, Jugend- und Bildungsbereich vonseiten der Politik geschaffene „Lücke“ zu füllen. So sind Neonazis gerade in Ostdeutschland in jene „Freiräume“ vorgestoßen, versuchen sich in der Jugendarbeit, bei der Hausaufgabenhilfe oder in der Hartz-IV-Beratung gerade unter jungen Leuten zu profilieren. NPD- und Neonazi-Kader engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen und Initiativen oder Elternbeiräten an Schulen. Ohne Gegenproteste und unter Teilnahme vieler „normaler“ Bürger organisierte die rechtsextreme Partei Familien-, Kinder- und Sommerfeste und warb so neue Wähler, Interessenten und Mitglieder.

Zunehmend versucht die Braunszene – wenn auch in noch sehr geringem Ausmaß – solche Unterwanderungsversuche der Gesellschaft auch in Westdeutschland. Daher sollte man dort, wo Rechte rekrutieren (wollen), etwas dagegen tun: das Treiben der Aktivisten unterbinden, mit „angefixten“ Jugendlichen reden und ungefestigte „zurückholen“ in die Mitte der Gesellschaft. [© Michael Klarmann; für „Schaukasten“, Zeitung des BDKJ-Aachen, 04/07 (Der Text wurde für eine Quartalszeitung mit Redaktionsschluss im Oktober 2007 geschrieben und ist nicht brandaktuell; veröffentlicht wurde der „Schaukasten“ Mitte Dezember 2007; das hier wiedergegebene Manuskript wurde für die Ausgabe gekürzt und redigiert.]
9.1.08 13:24
 



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