Aachen. Werbung, Propaganda, Public Relations (PR), Product placement, Lobbyismus – die Grenzen sind fließend. Schon 1991 stellte Douglas Coupland in seinem auch Dank PR zum Bestseller mutierenden Buch „Generation X“ fest: „Marketing beschäftigt sich [...] damit, die Kacke schnell genug zum Imbissladen zurückzuleiten, um die Leute glauben zu machen, sie bekämen richtige Nahrung vorgesetzt.“ Jene Glaubensfrage stellen Wirtschaft, Interessenverbände, Politik und Militärs täglich neu – selbst in den Indie-Szenen. Teil 1 der Artikelserie widmet sich vorrangig dem Bereich Militär und PR.
Couplands Buch skizzierte jene für die Erwachsenenwelt unfertigen 20- bis 30-Jährigen, die ihre Jugend durch ein Studium, durch Praktika oder Jobs in Werbeagenturen verlängerten. Doch eines hatte man seit Ende der 1980er Jahre verstanden: Werbung ist Unterhaltung, Lug und Trug. „Die Generation unserer Eltern scheint weder imstande noch daran interessiert zu sein zu verstehen, wie das Marketing sie ausnutzt. Sie nehmen das Einkaufen ernst,“ stellte Coupland 1991 fest. Waschmittel konnten eben doch nicht „weißer als weiß“ waschen.
Seitdem funktioniert Werbung subtiler und selbst Armee-Propaganda ist heute eine Mischung aus PR und Lobbyismus. George Orwell nannte es im Roman „1984“ noch „Neusprech“, eine künstliche Veränderung von Sprache zur Verhinderung von „Gedankenverbrechen“ – meint: Verbot kritischer Gedanken. So tarnt sich also auch das Militär rhetorisch und platzierte Begriffe wie „Mission“ und „Kolateralschäden“. Letzteres gilt heute als klar menschenverachtender Begriff für zivile Todesopfer im Krieg. Demgegenüber nutzen Journalisten längst unreflektiert Begriffe wie „Mission“ oder „Friedensmission“. Gemeint sind Kriege, Kampfhandlungen oder militärische Einsätze – was alles unschön blutiger als „Mission“ klingt.
„Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit,“ befand 1917 der US-Senator Hiram Johnson. Doch Kriege beginnen lange vor dem ersten Schuss. Bernd Kleinhans zitierte in seinem Buch „Ein Volk, ein Reich, ein Kino“ aus einem Abkommen zwischen dem NS-Propagandaministerium und der Wehrmacht: „Der Propagandakrieg wird in seinen wesentlichen Punkten neben dem Waffenkrieg als gleichrangiges Kriegsmittel erkannt.“ Die NS-Hetze gegen spätere Kriegsgegner wie Polen, Frankreich oder Russland sowie Menschen jüdischen Glaubens hatte aber schon Anfang und Mitte der 1920er Jahre begonnen, lange vor der Machtübernahme 1933 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939. Freilich hatte die NSDAP auch nur historische Vorbilder kopiert.
1996 veröffentlichte Mira Beham ihr Buch „Kriegstrommeln – Medien, Krieg und Politik“. Sie skizzierte die Propaganda-Maschinerie seit Beginn der Kriegsberichterstattung. Den Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien in den 1990er Jahren und den Golf- beziehungsweise Irak-Krieg 1991 analysierte sie ausführlich. Beham stellte dar, dass „Gräuel und Hasspropaganda gegen die [künftigen oder aktuellen] Kriegsgegner“ durch ein Vermischen von Militärpropaganda und Hurrapatriotismus in den Medien stattfindet. Denn nur wer Gegner entmenschlicht, kann die Heimatfront von (s)einer „Mission“ überzeugen.
Beham wies auch auf die Privatisierung staatlicher Propaganda hin: „Erfolgreiche Imagepflege von Staaten durch Public-Relations-Aktionen bedeutet [...], dass die beeinflussten Menschen nicht merken, dass sie beeinflusst werden bzw. worden sind,“ zitierte sie aus einer Studie von Michael Kunczik. Beham selbst deckte auf, dass vor dem Golfkrieg 1991 einflussreiche PR-Agenturen im Auftrag von Staaten und Militärs aktiv waren. 1990, kurz nach dem Einmarsch von irakischen Soldaten in Kuwait – weswegen die USA den Irak angreifen wollten –, tauchte etwa die „Brutkasten-Story“ auf. Irakische Soldaten hätten demnach in einem Krankenhaus in Kuwait über 300 Säuglinge aus den Brutkästen genommen und zum Sterben auf den kalten Boden gelegt. Am 10. Oktober 1990 schilderte die 15-jährige Kuwaiterin Nayirah dem Menschenrechtsausschuss im US-Kongress jenen Horror als „Augenzeugin“. Am 27. November 1990 wiederholte die schluchzende und weinende Nayirah mediengerecht im Plenarsaal des UN-Sicherheitsrats ihre Schilderungen.
Beides war ausschlaggebend für Politik, Medien und Bevölkerung in den USA, dem US-Krieg gegen den Irak zuzustimmen. Angesichts der Gräuel, begangen von irakischen Unmenschen, schienen weder Öl noch wirtschaftliche Belange Anlässe für den Krieg zu sein – Menschenrechte adelten ihn nun zur „Mission“. Später wurde bekannt, dass Nayirah die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA war. Ihre Auftritte waren Showveranstaltungen gewesen und die Agentur Hill & Knowlton – bis heute in der Kriegs-PR aktiv – hatte das mediale Trommelfeuer inszeniert.
Wahrscheinlich ist, dass keine PR-Agentur dahinter steckte, als im Februar 2003 der damalige US-Außenminister Colin Powell vor dem Uno-Sicherheitsrat „Beweise“ für das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen im Irak lieferte. Doch Powells Rede und PowerPoint-Präsentation glich der Nayirah-Kampagne. Auch sie war weltweit via TV zu sehen. Danach befürwortete deren eigentliches Zielpublikum, nämlich die US-Bevölkerung, den zweiten US-Krieg gegen den Irak. Im September 2005 schon nannte Powell jene Rede einen „Schandfleck“ in seiner Karriere. Er fühle sich „furchtbar“, dass er „Beweise“ für Massenvernichtungswaffen vorlegt habe, die sich als falsch erwiesen hätten. Doch da hatte der Zweck schon das Mittel geheiligt.
Wie eine Mischung aus PR und Product placement –Schleichwerbung – wirkte 2006 die vierteilige Dokusoap „Sonja wird eingezogen“ auf RTL. Jene „Dauerwerbesendung [lieferte] Bilderbuch-Reklame“ (Spiegel-Online). Die „in enger Absprache mit dem Verteidigungsministerium entstanden[en]“ TV-Dokus waren „Lehrstücke für gelungen verpackte Bundeswehr-PR“ (Süddeutsche Zeitung). Es ging nicht darum, objektiv zu informieren, sondern innerhalb eines angeblich redaktionellen Umfeldes junge Leute mittels der dargestellten Erlebniswelt anzuwerben.
Produzenten von eigentlich fiktiven TV-Serien und Kinofilmen über Militär und Krieg bewegen sich in einem ähnlichen Spannungsfeld. Um Kosten zu sparen, paktieren sie oft mit Armeen. Sie drehen auf Stützpunkten oder in Kasernen und können Panzer oder Kampfjets nutzen. Militärberater geben ihnen Tipps zur authentischen Darstellung. Dennoch kommt es dazu, dass die US-Armee das Drehbuch überarbeitet und so Rekrutierungsstreifen wie „Top Gun“ oder während des Kalten Kriegs antikommunistische Werbespots für die US-Politik alias Kinofilme entstanden. Kritische Filmer – siehe den Antikriegsfilm „Platoon“ – konnten und können nicht auf Unterstützung hoffen. Während pro-militärische Produzenten selbst Flugzeugträger nutzen können, dauerte die Beschaffung der bescheidenen und veralterten Requisiten für „Platoon“ Jahre.
Als Ansprechpartner für Produzenten von Geheimdienst-Serien, die letztlich auch in Deutschland ausgestrahlt wurden, dient(e) zudem der CIA. Wegen jener Art von Einmischung schlug die Tageszeitung „Die Welt“ in einem Beitrag zu Peter Bürgers Buch „Kino der Angst“ vor, man müsse wie auf Zigarettenschachteln auch auf den meisten Hollywood-Kriegsfilmen eine „gut sichtbare Warnung anbringen“: „Der Genuss dieses Films kann tödlich sein. Er fördert Ihre Angst, impft Ihnen Feindbilder ein und steigert Ihre Bereitschaft, Probleme mit Waffengewalt zu lösen.“
Politik und Militär inszenieren auch Realität und übertreffen dann selbst TV-Serien wie „JAG – Im Auftrag der Ehre“. So verkündete US-Präsident George W. Bush das angebliche Ende des bis heute andauernden Irak-Kriegs am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugträger „USS Abraham Lincoln“. Das „Hamburger Abendblatt“ schrieb: „Medien-Experten in den USA [waren sich] einig, dass der ‚Top Gun’-Auftritt Bushs [...] – der Präsident landete dort als Co-Pilot eines Jets und präsentierte sich dann in voller Fliegermontur mit den gerade vom Golf zurückkehrenden Kampffliegern – eine choreographische Meisterleistung war. Wenngleich alles sehr spontan aussah, wurde [...] die Mannschaft in farblich abgestufte T-Shirts gesteckt, damit sie in gutem Kontrast zu dem über Bushs rechter Schulter erscheinenden Banner ‚Mission Accomplished’ (‚Mission erfüllt’) gefilmt werden konnten. Die Rede war genau so terminiert und der Flugzeugträger genau so gedreht worden, dass das perfekte Abendlicht [...] so auf Bush fiel, dass dieser von einer goldenen Aura umgeben schien.“ Das Schiff hatte zuvor sogar die Geschwindigkeit drosseln müssen, um zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.