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Rechts: Randbemerkungen zu dem rechten Aufmarsch in Düren

Düren. Nachfolgend Notizen und Anmerkungen aus dem Umfeld des NPD-Aufmarsches am Sonnabend. Verwiesen wird an dieser Stelle auf einen ersten Bericht als Voraussetzung zum Verständnis [1]. Im folgenden soll auch dargestellt werden, warum die NPD „unterlag“ und keinen Grund hat, sich über die scharfen Polizeiauflagen zu beschweren:

– Laut NPD haben Unbekannte in der Nacht vor dem Aufmarsch an dem Leihauto, das als Lautsprecherwagen dienen soll, Reifen platt gestochen. Ebenso haben Unbekannte an dem Platz am Südzugang zum Dürener Bahnhof die Mauern besprüht mit Parolen wie „Nazis raus!“, „Nazis sind Menschenschänder!“ und „Nazis unerwünscht“. Doch die Sprüher irrten sich. Statt ihre Auftaktkundgebung auf dem großen, einladenden Rundplatz hinter dem Bahnhof abhalten zu dürfen, müssen die „Kameraden“ sich nahezu unbeachtet von der Öffentlichkeit zwischen Bäumen, Gestrüpp und angrenzenden Mauern auf einem abgelegenen Parkplatz hinter Absperrgittern und einer Polizeikette versammeln. Als „Öffentlichkeit“ fungieren einige Journalisten, wenige die Neonazis anbrüllende Antifaschisten und zahlreiche Polizisten in Uniform und zivil. Ingo Haller muss seine Auftaktrede und das Vorlesen der polizeilichen Auflagen also nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit abhalten. Während der Dürener NPD-Kreischef dies in einem eher ruhigen Tonfall über Megaphon bewerkstelligt, hebt sich die Stimme fast zum Schreien, wenn Haller als Versammlungsleiter den „Kameraden“ ordnungsgemäß die untersagten Parolen vorlesen muss. Inkriminiert ist etwa die Parole „Deutschland den Deutschen“ und beim Vorlesen von Haller hallen diese Worte lautstark über den Platz. Ein Polizist spricht von einem üblichen Ritual. Mindestens einmal besteht so eben die Möglichkeit, dass zumindest der Versammlungsleiter die verbotenen Parolen ausrufen darf – schlicht deswegen, um die anderen Teilnehmer auf das Verbot hinzuweisen.

– Laut einer NPD-Veröffentlichung beinhalten jene Auflagen unter anderem, dass das Tragen verschiedener Kleidungskombinationen unter anderem in Verbindung mit „militärischen oder militärisch-ähnlichen Kopfbedeckungen“ untersagt sei. Zumindest in wenigen Fällen findet dies dennoch statt. Auch sei „unzulässig“ das „Absingen von Märschen oder Marschbefehlen“ – statt zu skandieren: „Hier marschiert der Nationale Widerstand!“ rufen die Rechtsextremisten gelegentlich: „Hier spaziert die Deutsche Jugend!“ Untersagt ist zudem das sichtbare Tragen von „Emblemen oder Tätowierungen [...], die in Verbindung mit dem Nationalsozialismus stehen.“ Dennoch marschieren zahlreiche Mitglieder der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) mit ihren „T-Hemden“, auf denen dreiarmige Hakenkreuze (Triskelen) zu sehen sind. Ferner hätten in den „Versammlungsreden und Sprechchören sowie auf Transparenten [...] Aussagen, die das NS-Regime, seiner Organisationen und deren (auch selbst ernannte) Folgeorganisationen sowie verbotene Parteien und Vereine einschließlich deren Nachfolge- und Ersatzorganisationen glorifizieren, verharmlosen oder sonst wieder beleben, zu unterbleiben.“ Verboten seien zudem „mündliche und schriftliche Aussagen wie ‚Deutschland den Deutschen’“ sowie Aussagen, die das NS-Regime „glorifizieren, verharmlosen“ und zahlreiche Szene-Parolen bzw. Wortkombinationen aus diesen. Ebenfalls verboten sei „der Gebrauch nationalsozialistischen Propagandajargons bzw. nationalsozialistisch geprägter Begriffe und die sinnunterstützende Sprachweise, die an nationalsozialistische Demagogen erinnert.“

– Kurz vor dem ersten Redebeitrag während der Auftaktkundgebung lotet die NPD aus, inwieweit die Auflagen Bestand haben. Über den Lautsprecherwagen wird ein Lied der rechtsextremen Kultband „Stahlgewitter“ abgespielt mit dem Titel „Auftrag Deutsches Reich“. Zwischen einzelnen Textpassagen sind wiederholt „Heil!“-Rufe zu hören, die aus Dokumentationen über NS-Massenveranstaltungen gesamplete wurden. Geschichtsrevisionistisch geht es in dem Lied darum, dass das „Deutsche Reich“ nur durch ominös angedeutete fremde Mächte sowohl in den Ersten, als auch den Zweiten Weltkrieg verwickelt wurde und seitdem die Deutschen unter der „Kriegsschuldlüge“ – meint: das Hitler-Deutschland den Zweiten Weltkrieg angezettelt habe, stimme nicht – leben müssten. Neben den Textzeilen „Heil dir Germania“ schallen ebenso über den Platz die Zeilen: „Denn unsere Heimat ist das Deutsche Reich“; „Das Reich hat nie kapituliert“; „das Reich besteht (in alten Grenzen) noch immer fort“; und „zittert weiter ihr (verdammten) Verbrecher“ denn es wachse die Anzahl der „Rächer“. Und immer mal wieder jene „Heil!“-Rufe...

– Haller hält die Auftaktrede und erläutert das Motto „Gegen Ausländerkriminalität und Inländerfeindlichkeit“. Zurück geht das Motto u.a. auf eine Auseinandersetzung zwischen Neonazis und Schwarzen am Südausgang des Bahnhofs. Haller wirft zahlreichen Migranten anhand von ominösen Polizeistatistiken vor, kriminell zu sein bzw. die Kriminalitätsstatistik zu beherrschen. Einige Nazigegner stehen vor der Absperrung und brüllen immer wieder dazwischen. „Denn es ist unsere Stadt,“ poltert Haller mit sich fast überschlagender Stimme und ruft: „Mehr als 130 Nationalitäten in Düren, und nur eine, die hier wirklich hingehört.“ Um nicht gegen die Auflagen zu verstoßen sagt Haller: „Deutschland den Bürgern der Deutschen Abstammung.“ Später fordert er: „Rückführung statt Bleiberecht!“ Und zum Ende seiner Rede stimmt er mit geballter Faust und an das Dürener Bündnis gegen Rechts (BgR) und die Antifa die Parole an: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“ Die „Kameraden“ stimmen mit geballten Fäusten ein und zwei, drei Nazigegner rufen „Nazis raus!“ Die Neonazis stimmen ein und ergänzen die Rufe um „...aus dem Knast“ bis sie sich aggressiv auf die Polizeisperre zu bewegen und einer krakeelt, die Handvoll Nazigegner solle doch „kommen“. Die Polizei nimmt einen Antifaschisten und einen Migranten kurzzeitig fest.

– Kurz bevor sich der Marsch in Bewegung setzt überreicht Haller seiner Frau Christine, zugleich Chefin der Dürener NPD-Frauengruppe „Freie Frauen“, zum 15. Hochzeitstag mehrere Rote Rosen.

– Der rechte Aufmarsch beginnt. Dadurch, dass die Antifa Düren und das BgR zahlreiche Plätze in der Innenstadt mit eigenen Versammlungen belegt haben, muss die NPD durch fast menschenleere, abgelegene Straßen am Innenstadtrand marschieren. Der Aufmarsch erzielt kaum Öffentlichkeit und wird begleitet von einem immensen Polizeiaufgebot. Skandiert werden Parolen wie „Nationaler Sozialismus – Jetzt!“, „Multikulti ist Völkermord – hier und an jedem andren Ort“, „BRD heißt das System –morgen wird es untergehn“, „Hoch die Nationale Solidarität“ und „Israel – internationale Völkermordzentrale!“ Zweimal muss der Marsch stoppen, da zahlreiche Nazigegner den Chlodwigplatz bevölkern. Erst durch längere Verhandlungen zwischen Haller, seinem Stellvertreter und KAL-Chef Rene Laube sowie durch Unterstützung des NPD-Kaders Ralph Tegethoff ist ein Entschluss möglich, die Route bzw. den Kundgebungsort abzuändern. Neben den durch Vorfeldquerelen [2] nicht erschienenen Rednern Thomas „Steiner“ Wulff und Sven Skoda also ein weiteres Desaster nach wochenlanger Vorbereitung. Doch auch die Planung stand unter einem schlechten Stern: zuerst plante die NPD am 1. September in Düren aufzumarschieren – und hatte vergessen, dass dann traditionell in Dortmund ein großer Aufmarsch der Szene stattfindet, der keine Konkurrenz duldet; dann verlegte die NPD ihren Aufmarsch auf den 15. September und musste ihn wieder verschieben, nachdem die Polizei sie darauf hingewiesen hatte, dass wegen des Stadtfestes ein Aufmarsch dann nicht genehmigt würde; und nun hat man der NPD eine abgelegene Route durch unbevölkerte Straßen zugewiesen und selbst auf dieser Route muss sie mehrfach stoppen und kann ihre eingeplante Zwischenkundgebung nicht abhalten. Zudem versagt mehrfach die Lautsprecheranlage an dem Leihwagen, oft müssen sich Redner mit einem schlechten Megaphon Gehör verschaffen und so erreicht deren Botschaft noch nicht einmal alle „Kameradinnen und Kameraden“, geschweige denn, die Bürgerinnen und Bürger. Die am Chlodwigplatz vorbei ziehenden Neonazis werden nicht nur von Antifaschisten, sondern auch von Anwohnern und Bürgern – darunter Seniorinnen – mit Pfeifkonzerten und „Nazis-raus!“-Rufen begrüßt und reagieren aggressiv mit „Dumm, dümmer, Antifa!“

– Kurz vor der Annakirche am Rande der Innenstadt findet in der Oberstraße doch noch die Zwischenkundgebung statt. Erster Redner ist der Kreisvorsitzende der NPD in Krefeld, Lars Spönlein. Spönlein bemängelt, dass die „verlogene Systempresse“ kaum benennen würde, falls Kriminelle Migrationshintergrund hätten. Stattdessen würde sie jeden rechten oder vermeintlich rechten Übergriff hochspielen, sagt Spönlein. Der gesellschaftliche „Aufschrei“ des Entsetzens über rechte Übergriffe, findet der NPD-Mann, wäre wohl immer „bis Tel Aviv zu hören gewesen. Der Zentralrat-Verband Charlotte Knobloch würde Gift und Galle schreien,“ sagt Spönlein im nur leicht antisemitischen Duktus und ergänzt, es gebe heute eine „Regierung der Besatzerrepublik Deutschland.“ Nach langen Minuten stellt Spönlein die rhetorische Frage, wer eigentlich extrem sei, die NPD oder die „systemextremen Massenmedien [und die] systemextremen Politiker?“ Und beschließt seine Rede mit einer vagen Drohung: „Die Verräter im Berliner Reichstag, die sich Regierung schimpfen, und geschworen haben dem Deutschen Volk zu dienen, werden es auch noch merken. Ich sage hier: Wer Wind säht, wird Sturm ernten!“

– Willibert Kunkel, Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Aachen, redet als Zweiter. Kunkel spricht davon, warum er NPD-Mitglied ist und für eine bessere Welt kämpft. Er schimpft über Politik und Wirtschaft, die die Bürger ausbeuten würden, weswegen „Millionen von Kinder“ und Menschen Hunger litten und auf „Tafel-Essen“ angewiesen seien: „Millionen – und auch Ausländer – sind angewiesen, einmal am Tag eine warmes Esse durch Spenden zu erreichen. Und wo ist da der Aufstand [...]? Diese Leute werden Tag für Tag gedemütigt und deswegen bin ich in [die] NPD eingetreten, um die Rechte für diese [...] Menschen mit[zu]erkämpfen.“ Doch zu ausländerfreundlich will Kunkel nicht werden: „Wo ist unsere Leitkultur? Ich möchte nicht, dass hier in Düren die Scharia eingeführt wird.“ In Bezug auf Antifaschistinnen sagt Kunkel, die Burka würde zwar „einigen Frauen gut stehen“. Aber er wünsche nicht das deutsche Frauen irgendwann einmal in Deutschland eine Burka tragen müssten.

– Hauptredner ist Ralph Tegethoff, ehemaliger „Freier Kamerad“ und nun NPD-Kader aus dem Bonner Raum. Ungeachtet oben skizzierten Desasters, möglichen Ermittlungen gegen den Anmelder [1] und den Boykottaufruf durch „Autonome Nationalisten“ gegen den Aufmarsch [2] – sogar bislang mit Haller gut kooperierende „Kameradschaften“ wie der „Sturmbund Aachen“ riefen zum Boykott auf und selbst einzelne Mitglieder der von Laube geführten KAL blieben fern – findet Tegethoff in seinem Redestil, der an alte Schwarzweiß-Aufnahmen aus den „dunklen Jahren“ („Böhse Onkelz“) erinnert: „Deutsche Männer und Deutsche Frauen [...], wir haben heute hier in Düren Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal seit 62 Jahren wurden hier berechtigte Forderungen der deutschen Urbevölkerung auf die Straße getragen“ und deswegen sei man ja auch „aufmarschiert“. Und dann dürfte er einige der „Kameraden“ überfordern: „Wir haben keinen Hass und wir haben keine Feindschaft zu irgendeinem Volk auf dieser Welt. Wir haben auch keinen Hass und keine Feindschaft zu Moslems, oder zum Iran oder zum Irak oder zum türkischen Volk. Wir achten und wir schätzen jedes Vaterland, alle Menschen, die sich treu und ehrenhaft für ihr Volk einsetzen.“ Genau so, wie die Türken jedoch sagten, es sei ihr Land, so „haben wir auch das Recht zu sagen: Deutschland den Deutschen.“ Dafür erntet er sehr viel Applaus. Tegethoff wirft der Polizei „Schikanen“ gegen den Aufmarsch vor. Indes: „Wir werden am Ende siegen!“ Kurz darauf flüstert ihm Haller ins Ohr, dass ihm die Festnahme wegen Verstoßes gegen die Auflagen droht. Tegethoff teilt dies öffentlich in seinem an Goebbels erinnernden Rede- und Schreistil mit und die bislang im weiten Rund um ihn stehenden „Kameraden“ scharren sich nun schützend um ihn, um mittels einer Art Menschenmauer die Verhaftung zu verhindern. Kurz darauf singt man geschlossen die erste bzw. heute eher dritte Strophe der Nationalhymne ab. Geht das am Anfang noch ganz gut, verlieren gerade die jüngeren „Kameraden“ zum Ende hin bedenklich an Stimmkraft und Textsicherheit. Es folgen noch Reden von Oliver Harf (NPD-Stolberg) und Eric Leu (NPD-Bergheim), der sinngemäß Kritikern in einer Art Brandrede vorschlägt, sich mal „zu waschen“.

– Ab- und Rückmarsch zum Bahnhof sowie Auflösung der Versammlung ohne besondere Zwischenfälle. Vielen „Kameraden“, aber auch der Presse und der Polizei und den Antifaschisten, hat die Spätsommerhitze zu schaffen gemacht. Die Luft ist raus...

Zu den Demonstrationen ist eine Bildergalerie HIER einsehbar. Um die Bilder sehen zu können muss der Browser Cockies akzeptieren, sonst erscheint eine Fehlermeldung. Interessierte Redaktionen melden sich bitte und fordern gewünschte Motive an. [© Klarmann]

[1] Überlegene Nazigegner und ein Desaster für die NPD
[2] NPD-Düren distanziert sich kurz vor Aufmarsch von Automaten und alle drohen sich gegenseitig
23.9.07 16:48
 



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