Rechts: Einer der aktivsten NPD-Kreisverbände in NRW residiert in der Region
Aachen. Als Mitte April 250 Mitglieder der NPD und deren Parteispitze in der Stolberger Stadthalle das 40-jährige Bestehen der Partei feierten, fragten sich Menschen in der Region, wie es so weit kommen konnte. Doch örtliche Antifaschisten warnen schon lange vor dem Erstarken der Neonazis. Drahtzieher sind dabei die Stolberger NPD-Ratsmänner Willibert Kunkel (54) und Oliver Harf (33). Das Duo hat in drei Jahren den unbedeutenden, überalterten NPD-Kreisverband (KV) Aachen zur jungen, dynamischen Ortsgruppe gewandelt, deren Einfluss bis Düren und Heinsberg reicht. Am 31. Juli organisierten sie einen NPD-Parteitag in Heinsberg.
Ursprünglich war der Landesparteitag zur Nominierung der NPD-Landesliste für die Bundestagswahl in der Stolberger Stadthalle geplant. Doch der türkische Pächter ließ Kunkel diesmal abblitzen. Ebenso verweigerte er einen Mietvertrag für ein geplantes Neonazi-Konzert. So verlegte NPD-Landesvorstandsmitglied Kunkel das Treffen nach Heinsberg-Dremmen. In dem Dorf, das Ende 2004 wegen Hakenkreuz-Schmierereien und rechter Umtriebe auffiel, wählten rund 100 NPD-Mitglieder den Vorsitzenden der DVU, Gerhard Frey, und NPD-Chef Udo Voigt zu den NPD-Spitzenkandidaten in NRW. Auf Platz 6 der 20-köpfigen Liste tritt Kunkel zur "Reichstagswahl" (NPD-Heinsberg) an, auf Platz 13 Harf, auf Platz 17 Ingo Haller aus Inden.
Der Landesverfassungsschutz zählt den NPD-KV Aachen zu den "derzeit aktivsten Kreisverbänden in NRW", so Behördensprecherin Dagmar Pelzer. Antifaschisten zufolge hat Kunkel, der 2002 von der DVU in die NPD wechselte, zudem den schwachen NPD-KV Mönchengladbach/Heinsberg gefördert. Dessen Chef Helmut Gudat (55) aus Hückelhoven sitzt seit der Kommunalwahl im Heinsberger Kreistag. Am 13. Mai sprach NPD-Parteichef Voigt bei einer für die Region zentralen Veranstaltung zum Landtagswahlkampf in Stolberg vor rund 80 Rechtsextremen. Kunkel gründete überdies Ende Juli den Ortsverband Aachen, noch ohne eigenem Vorstand. Auch der KV Düren wird kommissarisch durch Kunkel geleitet. Andererseits fungiert der Anführer der militanten, auf rund 25 Mitglieder geschätzten "Kameradschaft Aachener Land", René Laube (25) aus Langerwehe, als Kunkels Stellvertreter. Während Kunkel auf eine Geldstrafe von 2.100 Euro wegen Körperverletzung an einem 13-Jährigen verurteilt wurde, blickt der bullige Skinhead auf eine zur Bewährung ausgesetzten Geldstrafe zurück. Laube hatte vor Gericht einen Neonazi gedeckt, der einen Antifaschisten bedroht hatte.
Im Landtagswahlkampf war der NPD die Region so wichtig, dass sie dem KV Aachen über Wochen einen VW-Bulli aus der Berliner Parteizentrale überlies. Bis zum 18. September versucht die Partei nun durch soziale Demagogie und dem Slogan "Arbeit zuerst für Deutsche" Stimmen zu fangen. Pressesprecher Harf, auch NRW-Chef des NPD-eigenen "Nationaldemokratischen Hochschulbundes" (NHB), kündigte dabei eine Reihe von Wahlkampfaktionen in der Region an. "Ausländer raus" sei jedoch "keine Parole von uns", so Harf. Auf Werbematerial wird jedoch eine "schrittweise Rückführung hier lebender Fremder in ihre Heimat" gefordert. Für Alfred Schobert vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung "läuft das ohne die Parole 'Ausländer raus' auf die Realisierung der alt bekannten NPD-Forderung hinaus."
Neonazis wollen die NPD-Leute nicht sein, nur schlicht "Nationaldemokraten". Der Berliner Rechtsextremismusexperte Jan Buschbom sagte, die NPD bemühe sich derzeit, "ein ordentliches Bild zu transportieren, um das Schmuddelimage von Alkohol und Gewalt vergessen zu machen." Er warnte zugleich vor einer "Arbeitsteilung", denn organisierte Rechtsextreme trügen mit ihrer Agitation dazu bei, gewaltbereite Mitläufer zu Übergriffen auf Ausländer und Gegner zu verleiten. Auffallend, dass in Kunkels Umfeld Parteianstecker getragen werden mit dem Slogan: "NPD – Alles für Deutschland – Nationaler Widerstand".